Reisen oder Spenden? Wann ist ein Land zu arm, um es zu bereisen?

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Hallo,

Es ist wohl nicht möglich diese Frage ganz kurz mit ja oder nein zu beantworten. Vorweg möchte ich aber gern einen Punkt im Fall Äthiopien zurechtrücken. In Äthiopien hat es auch während der schlimmsten Hungersnöte in den 70er und 80er Jahren, sowie in Jahr 2000, wenn man die Situation des ganzen Landes betrachtet, keinen allgemeinen Mangel an Nahrung gegeben, sondern ein Verteilproblem. Deshalb hat auch die in anderen Beiträgen erwähnte von Karheinz Böhm gegründete Organisation Menschen für Menschen, für die ich über 5 Jahre in Äthiopien tätig war, nie Nahrungsmittel importiert. Das eigentliche Problem ist, wie gesagt, die Verteilung. Wenn ein äthiopischer Bauer durch Dürre nichts zu essen hat, so hat er auch kein Geld, die Lebensmittel in über 500 km Entfernung zu kaufen. Wenn der Bauer keine Ernte hat, ist er sofort pleite und kann auch nicht in andere Gebiete fahren und auch vor Ort nichts kaufen, weil er kein Geld hat. Die Katastrophenhilfe, die Menschen für Menschen in der Vergangenheit geleistet hatte, bestand darin, Lebensmittel im Westen Äthiopiens, wo gute Ernten waren, zu kaufen und sie im Osten und Norden des Landes, wo es Dürre gab zu verteilen. Dazu gibt es auch äthiopische Organisationen und staatliche Strukturen. Hauptprobleme sind die Transportkosten. Wenn man das berücksichtigt, "frisst" man als Tourist in Äthiopien den Einheimischen keineswegs die sowieso schon knappen Lebensmittel weg. Man unterstützt aber durch seine Geldausgaben in dem Land Menschen, die ihre Familien ernähren. Sicher gebe ich den Leuten Recht, die schreiben, dass im Falle einer organisierten (Pauschal)Reise der größte Teil des Geldes, das man bezahlt, nicht in die richtigen Hände fließt, wenn man etwas für Äthiopien oder ein anderes Land damit tun will. Daher buche ich bei meinen Reisen nach Äthiopien nur den Flug und den bei Ethiopian Airlines. Für Hotels, Eintritt in Nationalparks usw. sorge ich vor Ort, wobei mir sicher auch von Vorteil ist, dass ich mich sowohl auf Amharisch als auch auf Afaan Oromoo verständigen kann. Aber mittlerweile geht das alles überall, wo ich in Äthiopien gewesen bin auch auf Englisch.

Was die Konfrontation mit Leid betrifft, wenn man in Äthiopien unterwegs ist, möchte ich auch etwas sagen: In Äthiopien sind nur einige Gebiete von der Dürre betroffen. Der Hunger spielt sich nicht in den Gebieten ab, die gewöhnlich von Touristen bereist werden. Vor allem in Addis Abeba wird aber jeder Tourist, wenn er die Augen nicht permanent geschlossen hält, mit einer Vielzahl von Bettlern, die z.T. aus Katastrophengebieten kommen, konfrontiert. Allerdings gibt es in Addis Abeba immer sehr viele Bettler und Obdachlose. Man merkt aber, dass die Zahl der armen Menschen dort während einer Dürre enorm anwächst. Ich selbst hatte in Äthiopien lange Zeit im Osten des Landes gearbeitet und war somit auch mit dem Angesicht der Not durch meine berufliche Tätigkeit konfrontiert. Obwohl ich schlimme Dinge gesehen habe, rate ich jedem, der sich für Äthiopien interessiert und das Land bereisen möchte, dazu, das zu tun. Die folgenden Sätze sollen niemanden abschrecken das Land zu bereisen. Denn wirtschaftliche Aktivitäten nützen zumindest einigen Leuten etwas, die ihre Familien durch ihre Arbeit in Hotels, Nationalparks usw. ernähren. Allerdings will ich auch nicht verschweigen, dass ich die Eindrücke von den Skletten der verhungerten Tiere am Straßenrand und die Hoffnungslosigkeit in den Augen der Hirten, die ein fast verhungertes Kalb auf den Schultern trugen, die ich im Jahr 2000 auf Dienstreisen ansehen musste, nie aus meinem Gedächtnis streichen kann. Dazu muss man aber auch sehen, dass die Katastrophenhilfe in Äthiopien in der Zwischenzeit enorm verbessert wurde.

Zur Gerechtigkeit der Verwendung der Mittel des Staatshaushaltes möchte ich nicht so sehr viel schreiben. Gewiss haben die Verfasser anderer Beiträge insgesamt Recht, wenn sie zum Ausdruck bringen, dass in vielen Staaten das geringe Volksvermögen in dunkle Kanäle fließt. Für Äthiopien muss ich aber sagen, dass ich dort auch Korruption gesehen habe, aber viel weniger als in jedem anderen afrikanischen Land, in das ich je gereist bin, abgesehen von Burkina Faso.

Danke für die tolle, weil sehr differenzierte, Antwort und alle anderen Beiträge. Sicher habe ich selbst auch eine Meinung (s. Kommentar unten) aber mich hat einfach interessiert, wie ihr darüber denkt und welche Erfahrungen ihr gemacht habt. Danke nochmal!

LG

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"Elendstourismus" ist auf alle Fälle nicht vertretbar. Aber in vielen armen Ländern ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen. Darum sollte man diese keinesfalls nehmen. Jedoch große Vorsicht walten lassen. In einigen Regionen haben Einheimische mit der Landwirtschaft aufgehört, weil sich der Verkauf von Möchtegern-"Traditioneller Kunst" wirtschaftlich mehr rentiert. Ein Teufelskreis.

Darum mein Tipp: Trotzdem reisen. Dabei großen Respekt vor den Einwohnern walten lassen und sehr umsichtig sein.

Im Anschluss gut informieren, welches Projekt wirklich nachhaltige Unterstützung bietet und dort dann spenden.

Stimmt, bei Projekten in sehr armen Ländern hat die Nahrungsmittelversorgung Priorität.

LG

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Zu arm ist wohl kaum ein Land. Vielerorts fehlt es aber an funktionierenden staatlichen Institutionen. In einem solchen Fall liegt es wiederum an der Risikobereitschaft des Einzelnen. Äthiopien ist durchaus zu bereisen - die Reise will nur genau geplant sein.

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