Praktikum in Chile

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2 Antworten

Hallo aus Chile!

Ich finde es super, dass du ein Praktikum in Chile absolvierst und hoffe, dass du dies nicht über eine der Agenturen organisiert hast.

Generell sind die Chilenen eher konservativ gekleidet, sprich Hemd und Kravatte gehören in mittelständischen Unternehmen (immer noch) zum guten Ton, international tätige Unternehmen sind da etwas legerer, ein Hemd oder zumindest ein T-Shirt mit Kragen sollte aber immer noch dazu gehören.

Gerade beim ersten Kontakt rate ich dazu, ein wenig over-dressed zu sein und pünktlich zu erscheinen, auch wenn dies von der chilenischen Seite nicht erwidert wird.

Stelle dich darauf ein, dass niemand an deiner Seite ist. Du musst dir deine Arbeit höchstwahrscheinlich selbst organisieren und auch sehr oft suchen. Ein sehr guter Einstieg sind die Small-Talks, du solltest aber aufpassen, dass du nicht den Eindruck eines "arroganten Schnösels" erweckst, der alles besser weiss und niemanden etwas erzählen lässt.

Du wirst ein klares "Nein" eher nicht zu hören , sondern wichtige Informationen in formelle Sprechweisen verpackt serviert bekommen. Durch den Kontext filterst du dann, ob es sich um ein klares "Jein" oder doch um ein "Nein" handelt.

Neuen Ideen und Vorschlägen wird generell gerne zugestimmt, die Arbeit liegt aber bei dir und die anfängliche Begeisterung flacht dann meistens sehr schnell ab.

Kurzum: Wenn du anpassungsfähig und frei von Vorurteilen dein Praktikum antrittst, so erwartet dich eine ein Leben andauernde positive Erfahrung.

OstoValley 21.01.2013, 18:49

Wie schauts mit dem Dresscode bei Frauen aus? und wie soll ich meine Vorgesetzten ansprechen?

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OstoValley 21.01.2013, 20:05
@OstoValley

hast du vielleicht noch nützliche alltagstipps für mich? oder sachen, die man in Chile auf gar keinen Fall machen darf, die in Österreich oder Deutschland vlt. ganz normal wären?

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HelloChile 21.01.2013, 21:27
@OstoValley

Hallo nochmal!

Aus deinen Fragen schliesse ich, dass dir die Sache am Herzen liegt, das finde ich sehr nachahmenswert.

In der Verwaltung sehe ich immer mehr Frauen, die Jeans und Bluse bzw. Hemd tragen. Beim ersten Zusammentreffen würde ich aber dennoch zu formellem, klassischem und nicht zu figurbetontem Outfit raten. Frauen, z.B. Sekretärinnen bzw. Assistentinnen in der Verwaltung verwenden immer Stöckelschuhe, ausser sie müssen Sicherheitsschuhe tragen.

Gerade in der ersten Zeit solltest du mit jedem "fest" angestellten per Sie sein, also die Form "usted" benutzen. Wenn dich dann die Leute anfangen zu duzen, kannst du die Angestellten ab deinem Rang abwärts zurückduzen. Auch wenn man das Reinemachepersonal nicht mit Küsschenl grüsst, so ist ein "Hola, ¿cómo está?" immer sehr willkommen und zeigt Respekt und Anerkennung.

Höchst wichtig: Es wird jeden Tag "JEDER", der irgendwie mit dir im Praktikum zu tun hat, mit Handschlag (zwischen Männern) und Küsschen auf die Wange (bei Frauen) begrüsst. Das "¿Cómo está?" ist nur Formsache und nicht zu vergessen. Bei Ranghöheren solltest du dir deren Verhalten am Morgen einprägen und dementsprechend auf sie zugehen - oder auch nicht. Auch in Chile gibt es Morgenmuffel.

Achtung mit Kritik: In unserem Kulturkreis ist man diese gewohnt, in Chile ist das eine No-Go Area. Vorgesetzte vor anderen zu Kritisieren bzw. deren Entscheidungen zu hinterfragen ist politischer Selbstmord. Selbst im Small-Talk und sich schon besser kennend sollte immer eine gewisse politische Höflichkeit und Vorsicht gewahrt bleiben.

Verwende IMMER ein Deo. Klingt vielleicht banal, aber die Chilenen sind bei Körpergerüchen ziemlich empfindlich. Perfum: Besser ein wenig zu viel als gar keines, die Chilenen verehren Menschen, die gut riechen.

Ranghöhere bzw. ältere Angestellte werden mit "Don" und deren Vornamen angesprochen, wenn diese männlich sind. Bei Frauen ist eher Señora/Señorita und deren Vornamen gebräuchlich.

Bei Feierabend wird meist nur ein "Chao" und "Hasta luego/mañana" verwendet, es entfällt meist das oben genannte formelle Grüssen.

Wie schon erwähnt, erwarte nicht, dass du jemanden an der Seite hast, der dir sagt, was du zu tun hast. Du musst dir die Arbeit meist selbst suchen, kannst aber mit breiter Unterstützung rechnen.

Auf gar keinen Fall rumprahlen, das geht immer nach hinten los, da sich viele, auch die Vorgesetzten, auf den Schlips getreten fühlen. Schlechte Nachrede, gerade über den/die Praktikanten/In, findet seinen Weg in alle Hierarchiestufen und sollte bestmöglich vermieden werden.

Wenn du also die oben genannten Punkte so gut es geht beachtest, sowie interessiert und offen auf die Menschen zugehst, so lernst du auch sehr viel. Vielleicht nicht fachlich, aber auf alle Fälle fürs Leben.

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OstoValley 21.01.2013, 21:41
@HelloChile

Vielen Dank :) ich freu mich schon sehr auf die zeit in santiago :))

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HelloChile 21.01.2013, 21:41
@OstoValley

Der Alltag, gerade in Santiago, ist überraschend ähnlich mit dem, was du sowieso schon aus Mitteleuropa kennst. Santiago ist eine Millionenstadt wie sie rund um den Globus zu tausenden anzutreffen ist.

Es gibt sichere und weniger sichere Stadtteile und gerade zu Beginn musst du einfach ein wenig vorsichtiger sein. da du aber sowieso Zugang zu "echten" Chilenen hast, wirst du da keine Probleme bekommen.

Mein einziger Rat zu diesem Punkt könnte vielleicht sein, dass du alles, was du irgendwie an Infos bekommst, zuerstmal hinterfragen solltest. Wenn du z.B. nach dem Weg frägst, so ist die Antwort nicht immer korrekt, da die gefragte Person evtl. nicht zugeben möchte, dass sie keinen blassen Schimmer davon hat. Dies trifft auf alle möglichen Lebensbereiche, auch dein Praktikum, zu.

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HelloChile 21.01.2013, 21:45
@OstoValley

Santiago ist sicher interessant, Chile hat aber sehr viel mehr zu bieten. In Chile sagen wir: Santiago no es Chile.

Viel Spass!

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Verhaltensregeln? Komm pünktlich, sei fleissig, korrekt, mach alles sehr gut und du wirst ganz schnell als "der/die Deutsche" bezeichnet.

Ganz ehrlich, Pünktlichkeit ist eine Tugend, aber "der Chilene an und für sich" ist nicht sonderlich tugendhaft was das angeht.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikation via Email. Einerseits sind kurze und schlecht geschriebene Mails an der Tagesordnung, andererseits ist immer darauf zu achten nicht zu knapp zu werden. Kurze und auf den Punkt gebrachte Kommunikation kann zuweilen sogar als grob empfunden werden. Man fragt erst, wie es denn dem Empfänger geht, wie es seiner Familie und den Urahnen geht (ich übertreibe).

Kurz ist hier nicht immer gut, auch wenn man der festen Überzeugung ist, dass kiloweise Zeit und Energie verschwendet werden.

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